11.200 Vollzeit-Beschäftigte an der Seenplatte arbeiten zum Niedriglohn

40 Stunden Arbeit pro Woche und trotzdem bleibt es klamm im Portmonee: Aktuell arbeiten im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte 20 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Insgesamt rund 11.200 Menschen erzielen trotz voller Stundenzahl ein Einkommen unterhalb der amtlichen Niedriglohnschwelle von derzeit 1.885 Euro brutto im Monat (Wert für Ostdeutschland). Darauf hat die Gewerkschaft IG BAU hingewiesen. Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor.

„Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend“, sagt Wolfgang Ehlert, Bezirksvorsitzender der IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern. In der Region zählten unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt werde. Grund dafür sei auch die schwindende Tarifbindung.

„Je mehr Firmen aus Tarifverträgen aussteigen, desto schlechtere Karten haben die Beschäftigten. Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes“, warnt Ehlert. Diese werde durch die Corona- Pandemie teils verschärft: Beschäftigte im Handwerk könnten nur selten Homeoffice machen. Wegen hoher Mieten in den Städten müssten sie zudem oft weite Pendelwege in Kauf nehmen.

Der Gewerkschafter ruft die Unternehmen im Landkreis dazu auf, sich zu Mitbestimmung und Tarifautonomie zu bekennen: „Die Sozialpartnerschaft ist ein Erfolgsmodell, das den Beschäftigten – und den Betrieben – über Jahrzehnte wachsenden Wohlstand beschert hat. Sie darf nicht unter die Räder kommen.“ Nach Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung profitieren davon auch die Firmen. In tarifgebundenen Unternehmen steige die Produktivität, Mitarbeiter seien motivierter.

„Aber auch die Politik ist am Zug. Sie sollte mehr für die Tarifbindung tun“, erklärt Ehlert und nennt das Beispiel des Maler- und Lackiererhandwerks: Dort haben Gesellen Anspruch auf einen tariflichen Mindestlohn von 13,50 Euro pro Stunde. Diese Lohnuntergrenze wurde von der Politik für die ganze Branche zur Pflicht gemacht. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn liegt aktuell bei 9,35 Euro pro Stunde. „Klar ist aber auch: Je mehr Menschen sich in den Gewerkschaften engagieren, desto mehr lässt sich gegenüber den Arbeitgebern herausholen“, so Ehlert.

Mindestlohn für Bauarbeiter im Kreis Mecklenburgische Seenplatte gestiegen

Maurer mit mehr Mindestlohn: Für die rund 4.100 Bauarbeiter im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gilt eine neue Lohnuntergrenze. Keiner, der in der Branche arbeitet, darf weniger als 12,55 Euro verdienen – 35 Cent mehr als bisher. Das macht ein Plus von rund 60 Euro am Monatsende, wie die IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern mitteilt. Die Gewerkschaft rät den Beschäftigten deshalb, den letzten Lohnzettel zu prüfen. „Das Plus muss bereits mit der April-Abrechnung auf dem Konto sein. Und alle 313 Baufirmen im Kreis Mecklenburgische Seenplatte müssen dieses Lohn-Minimum zahlen“, sagt Bezirksvorsitzender Wolfgang Ehlert.

Messlatte für gelernte Betonbauer, Zimmerer und Fliesenleger sei jedoch der Tariflohn, so der Gewerkschafter. Der liegt bei aktuell 19,50 Euro pro Stunde. „Handwerker sind extrem gefragt – sogar in Zeiten von Corona. Bauarbeiter müssen wissen, was ihre Arbeit wert ist. Jeder hat eine anständige Bezahlung verdient. Gerade in Kleinbetrieben wird das vom Chef schon mal gern vergessen“, so Ehlert. Anspruch auf den Tariflohn haben Gewerkschaftsmitglieder, deren Firma Mitglied im Arbeitgeberverband ist.

Nach Angaben von Bauindustrie und -handwerk verzeichnete die Branche im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz von bundesweit knapp 140 Milliarden Euro. Mit einem Plus von vier Prozent gilt die Branche als eine zentrale Säule der Konjunktur – während die gesamte Wirtschaft nur um 0,6 Prozent zulegte. „Hier sollte sich kein Bauarbeiter unter Wert verkaufen“, betont Ehlert.

Jetzt wird’s originell: Maler im Kreis Mecklenburgische Seenplatte streichen mehr Geld ein

Lohn-Plus im Malerhandwerk: Rund 440 Maler und Lackierer gibt es im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Ein Großteil von ihnen profitiert jetzt von einem neuen Lohnabschluss: „Sie verdienen jetzt knapp 3 Euro mehr pro Stunde – nämlich 15,87 Euro. Für einen erfahrenen Malergesellen bedeutet das 508 Euro mehr pro Monat. Das ist ein gewaltiger Sprung“, sagt Hans-Joachim Tölg von der Maler-Gewerkschaft IG BAU in Mecklenburg-Vorpommern.

Das Lohn-Plus sei allerdings auch „fällig gewesen“: Die IG BAU habe es geschafft, erstmals nach 15 Jahren für die Maler und Lackierer in Mecklenburg-Vorpommern einen Lohntarifvertrag abzuschließen. Dieser gelte rückwirkend ab letzten Oktober. Die Beschäftigten in heimischen Malerbetrieben sollten nun ihre Lohnabrechnung prüfen und sich bei Fragen Rat von der IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern holen, sagt Tölg. Denn oft komme es vor, dass Chefs gelernten Fachkräften nur den Hilfsarbeiterlohn zahlen. Genau das mache aber die Zukunft des Handwerks kaputt. „Gesellen, die in der Gewerkschaft sind, haben den Tariflohn sicher. Jedenfalls dann, wenn ihr Betrieb Mitglied der Maler- und Lackierer-Innung ist“, so Hans-Joachim Tölg.

Er spricht von einem wichtigen Signal für das Maler- und Lackiererhandwerk im Kreis Mecklenburgische Seenplatte. Denn es werde immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. „Da sind gute Löhne enorm wichtig, um die Branche – gerade auch für Schulabgänger – attraktiver zu machen“, sagt Tölg. Rückenwind für den Tarifabschluss gab es, so die IG BAU, durch die Initiative „Gutes Land. Gute Leute. Gute Löhne“ der SPD-Landtagsfraktion. Diese habe sich auch direkt an die Maler-Innung gewandt und damit den Weg zum Vertragsabschluss geebnet.

Im Kreis Mecklenburgische Seenplatte bringt neuer Mindestlohn 1,6 Millionen Euro Extra-Kaufkraft pro Jahr

Der Mindestlohn steigt ab Januar um 35 Cent auf jetzt 9,19 Euro pro Stunde – und mit ihm der Verdienst von 6.530 Menschen im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. So viele Beschäftigte arbeiten hier derzeit zum gesetzlichen Lohn-Minimum. Auch die Wirtschaft im Kreis profitiert: Die Kaufkraft wächst durch das Mindestlohn-Plus in diesem Jahr um rund 1,6 Millionen Euro. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit und beruft sich auf eine aktuelle Analyse des Pestel-Instituts aus Hannover, das die Auswirkungen der Mindestlohn-Entwicklung regional untersucht hat.

„Mal ins Kino oder Essen gehen. Und auch mal etwas Neues für den Haushalt anschaffen – fast jeder Euro, den Mindestlohn-Beschäftigte am Monatsende extra haben, fließt in den Konsum. Und einen Großteil davon geben sie vor Ort aus“, sagt Jörg Dahms von der NGG-Region Mecklenburg-Vorpommern. Denn wer zum untersten Lohn arbeite, könne nichts auf die hohe Kante legen. Für den Gewerkschafter ist der gesetzliche Mindestlohn aber auch nach der aktuellen Erhöhung zu niedrig: „Selbst für eine Vollzeitkraft ist es extrem schwer, mit dem Mindestlohn klarzukommen. Gerade dann, wenn auch noch Kinder im Haushalt leben. Und bei steigenden Mieten sowieso“, so Dahms. Die NGG fordert deshalb ein deutlich stärkeres Mindestlohn-Plus. Erst in einer Größenordnung von mehr als zwölf Euro pro Stunde werde die Lohnuntergrenze „langsam armutsfest“.

NGG-Geschäftsführer Dahms sieht bei den Löhnen „Luft nach oben“ und die Arbeitgeber in der Pflicht: „In Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Bäckerhandwerk gehen trotz guter Wirtschaftslage selbst Fachkräfte oft nur mit dem gesetzlichen Minimum nach Hause.“ Messlatte sei aber nicht der Mindestlohn, sondern der Tariflohn. Dahms prangert die zunehmende Tarifflucht als Hauptgrund dafür an, „dass seit Jahren viel zu viele Menschen im Niedriglohnsektor gefangen sind“ und fordert die Unternehmen auf, sich zu Tarifverträgen zu bekennen: „In den Tarifverträgen der NGG sind meist deutlich höhere Löhne, auch in den unteren Lohngruppen, vereinbart. Und wer nach Tarif zahlt, der hat auch zufriedenere Mitarbeiter, die sich im Job engagieren.“

Dahms betont, dass von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns seit 2015 rund vier Millionen Menschen profitiert haben. Allerdings werde dieser gesetzliche Anspruch viel zu wenig kontrolliert, weil die Finanzkontrolle Schwarzarbeit nach wie vor nicht ausreichend personell ausgestattet sei. „Es gibt viel zu viele Schlupflöcher: Arbeitszeiten werden nicht korrekt erfasst oder Überstunden nicht bezahlt, um den Mindestlohn massenhaft zu umgehen. Das ist ein Skandal“, kritisiert der Gewerkschafter und fordert die Beschäftigten auf, ihre Januar-Lohnabrechnung genau zu kontrollieren.

Bei seiner Einführung 2015 lag der gesetzliche Mindestlohn bei 8,50 Euro pro Stunde. Nach dem Mindestlohngesetz steigt er alle zwei Jahre. Wie hoch das Plus ist, hängt insbesondere von der Entwicklung der Tarifverdienste ab. Die NGG war die erste Gewerkschaft, die sich für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns stark gemacht hat.

Im Kreis Mecklenburgische Seenplatte können Azubis "U25-Sprecher" wählen

Im Kreis Mecklenburgische Seenplatte können Azubis „U25-Sprecher“ wählen
Junior-Betriebsräte gesucht: Ab sofort können Azubis und junge Beschäftigte im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte neue „U25-Sprecher“ wählen. Noch bis Ende November laufen die Wahlen für die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV). Darauf hat die IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern hingewiesen. „Mit ihrer Stimme können Berufsstarter ein entscheidendes Wort mitreden – und sich das nötige Gehör beim Chef verschaffen“, sagt Bezirksvorsitzender Wolfgang Ehlert.
Häufig hätten junge Beschäftigte mit Missständen zu kämpfen. Doch oft trauten sie sich nicht, diese anzusprechen – auch wegen eines zum Teil rauen Umgangstons im Betrieb. „Die Probleme reichen von zu langen Arbeitszeiten und fehlenden Lehrplänen bis hin zu Tätigkeiten, die gar nichts mit der Ausbildung zu tun haben“, so Ehlert. Im aktuellen DGB-Ausbildungsreport gaben 14 Prozent der Azubis an, selten oder nie von ihrem Ausbilder betreut zu werden. Mehr als ein Drittel berichtet von regelmäßigen Überstunden. Zudem klagt ein wachsender Teil der Befragten darüber, ständig für die Firma erreichbar sein zu müssen.
„Bei diesen Problemen kommen die Jugendvertreter ins Spiel. Durch ihr Mandat können sie mit dem Chef Klartext reden – und zwar auf Augenhöhe“, sagt Gewerkschafter Ehlert. Die IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern appelliert an Unternehmen in der Region, die Wahlen zu unterstützen. Das komme den Betrieben am Ende selbst zugute. „Engagierte Jugendvertreter verbessern die Ausbildungsqualität und sorgen für eine höhere Zufriedenheit beim Nachwuchs. Und unter Schulabgängern spricht sich schnell herum, wo die Lehre gut ist“, so Ehlert. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels achteten Jugendliche besonders darauf, ob die Ausbildungsbedingungen stimmen.
Rund 3.800 Auszubildende gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit aktuell im Kreis Mecklenburgische Seenplatte. Eine Interessenvertretung kann wählen, wer in einem Betrieb arbeitet, der mindestens fünf Jugendliche oder Azubis und bereits einen Betriebsrat hat. Stimmberechtigt sind alle Beschäftigten unter 18 Jahren – genauso wie alle Mitarbeiter unter 25, die ihre Berufsausbildung absolvieren. Alle Infos rund um die Wahl gibt es im Netz unter www.jav-portal.de und bei der Jungen BAU unter www.facebook.com/JungeIGBAU.