Stilles Gedenken in Neubrandenburg

Die traditionelle Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht am 9. November 1938 kann in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant durchgeführt werden.

Stattdessen werden Stadtpräsident Dieter Stegemann und Oberbürgermeister Silvio Witt in einer sogenannten stummen Veranstaltung ohne Gäste Kränze am Synagogenplatz niederlegen.

75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges

Genau am 29. April 1945 hat die Rote Armee die von der Wehrmacht verteidigte Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg eingenommen. Auf den Tag genau 75 Jahre später erinnert die Stadt Neubrandenburg an die Ereignisse von damals.

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Gedenkminute für verunglückte Arbeitnehmer im Kreis Mecklenburgische Seenplatte

Sturz von der Leiter, Ausrutscher mit der Motorsäge, Hantieren mit Asbest: Wer im Kreis Mecklenburgische Seenplatte auf dem Bau oder in der Landwirtschaft arbeitet, hat ein besonders hohes Risiko, im Job einen Unfall zu haben oder krank zu werden. Darauf weist die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) zum Internationalen Workers‘ Memorial Day am 28. April hin – und ruft Beschäftigte im Landkreis zu einer Gedenkminute auf. „Ob im Home-Office oder auf der Baustelle: Um 12 Uhr sollte am Dienstag jeder kurz die Arbeit beiseitelegen und an die Menschen denken, die im Job tödlich verunglückt oder berufsunfähig geworden sind“, so IG BAU-Bezirksvorsitzender Wolfgang Ehlert.

Die IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern fordert zugleich stärkere Anstrengungen beim Arbeitsschutz. „Jeder Unfall ist einer zu viel. Die Arbeitssicherheit ist keine lästige Pflicht, sondern ein Muss. Daran darf der Chef keinen Cent sparen“, sagt Ehlert. In Zeiten von Corona sei dies wichtiger denn je. In der Gebäudereinigung müssten Beschäftigte besonders vor Ansteckungen geschützt werden. Hier seien ausreichend Desinfektionsmittel und Zeit für das gründliche Reinigen nötig.

„Auf dem Bau haben Arbeitgeber dafür zu sorgen, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. Der Mindestabstand von 1,5 Metern – besser gleich eine ganze Zollstocklänge von zwei Metern – ist entscheidend“, betont Ehlert. Außerdem müsse es genug Masken und Schutzhandschuhe geben, ebenso wie Toiletten mit Wasseranschluss zum Händewaschen.

Allerdings gehe auf vielen Baustellen Schnelligkeit allzu oft vor Sicherheit. Nach Angaben der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) kam es in der Branche im vergangenen Jahr zu rund 1.900 Arbeitsunfällen in Mecklenburg-Vorpommern.

Schwerpunkt des Workers‘ Memorial Day ist in diesem Jahr Asbest. „Ob in der alten Fassade, im Nachtspeicherofen oder im Schuppendach – Asbest ist oft versteckt. Gerade bei Sanierungen alter Gebäude kommt der giftige Stoff dann zum Vorschein. Das ist eine unsichtbare Gefahr für Handwerker“, so Ehlert.

Wie bei Corona sei auch beim Thema Asbest das Tragen einer Atemschutzmaske unabdingbar. Wer den Stoff heute einatme, könne viele Jahre später Lungenkrebs bekommen, warnt der Gewerkschafter. 33 Neuerkrankungen im Zusammenhang mit Asbest gab es in Mecklenburg-Vorpommern allein im Jahr 2018. Das geht aus Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung hervor. Innerhalb von zehn Jahren erkrankten im Bundesland rund 500 Menschen durch den Gefahrstoff.

Der Workers‘ Memorial Day fand erstmals 1984 in Kanada statt: Die Gewerkschaft für Angestellte im öffentlichen Dienst rief damals dazu auf, der im Arbeitsleben verstorbenen Mitarbeiter zu gedenken. Seit 1989 wird der Gedenktag weltweit begangen.

Einen Video-Appell zum Workers‘ Memorial Day hat die IG BAU online gestellt unter: https://youtu.be/5wDbHWkjTgY. Auch die Politik ruft zu mehr Anstrengungen beim Arbeitsschutz auf – Link zum Video: https://youtu.be/8Wzi3iJYGZU

Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag 2019

Den Kriegstoten und den Opfern von Gewaltherrschaft wird anlässlich des Volkstrauertages an mehreren Orten in der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg gedacht.

  • Sonnabend, 16. November 2019, um 14 Uhr, Friedhof Weitin mit Pastor Bernhard Hecker.
  • Sonntag, 17. November 2017, um 11 Uhr, Soldatenfriedhof Oststadt mit Gedenken am Hochkreuz, am Gedenkstein für Heimatvertriebene und am Gräberfeld der gefallenen Soldaten der Roten Armee.
  • Sonntag, 17. November 2019, um 14 Uhr, Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen, offizielle Gedenkveranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., der Stadt Neubrandenburg und der Bundeswehr.

Die Gedenkansprachen an der Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen halten Oberbürgermeister Silvio Witt und der Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“, Brigadegeneral Andreas Durst.

Die musikalische Umrahmung übernimmt das Heeresmusikkorps der Bundeswehr.

Rede von Oberbürgermeister Silvio Witt

Rede von Oberbürgermeister Silvio Witt anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November 2019, 16 Uhr, Am Neuen Tor

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrte Ratsfrauen und Ratsherren,
liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger,

wir haben in Neubrandenburg in diesem Jahr viel über Sicherheit diskutiert. Darüber, ob die Menschen in unserer Stadt Angst haben, nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnung zu verlassen. Darüber, ob diese Angst begründet ist, ob wir uns wirklich vor Straftätern fürchten sollten oder ob vor allem reißerische Medienberichte Unsicherheiten schüren und unsere Stadt viel sicherer ist, als wir glauben.

Was in dieser Diskussion keine Rolle spielte, das waren unsere Kirchen. Ein Gottesdienst, egal ob in der Johanneskirche, der St. Michaelsgemeinde oder in der katholischen Kirche St. Lukas und St. Josef ist ein Platz des Friedens, das ist für uns selbstverständlich. Niemand würde auf die Idee kommen, dass dort Gefahren drohen. Auch für die Menschen jüdischen Glaubens in Halle war dieser Frieden eines Gottesdienstes selbstverständlich. Bis vor genau einem Monat. Ein junger Mann zog mit Sprengstoff und selbstgebauten Waffen vor eine Synagoge, ein Haus des Glaubens, in der Absicht zu töten. Dass der Attentäter seinen tödlichen Plan mit 80 Opfern nicht umsetzen konnte, war ein großes Glück.

Wer sich mit den Hintergründen des Anschlags beschäftigt, ist wohl noch tiefer entsetzt als ohnehin schon durch den Tod der zwei zufälligen Opfer. Denn wir können nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Menschen unter uns gibt, die erfüllt sind von Hass, Hass nicht nur auf jüdische Menschen. Extremisten, die den Juden einen perfiden Plan zur Weltherrschaft zuschreiben, Juden, die der Attentäter deshalb töten, vernichten, auslöschen wollte. Viele Worte, die dieser junge Mann in einem widerwärtigen, im Internet veröffentlichten Manifest verwendet, könnten direkt aus der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten der 30er Jahre stammen.

Die Pogromnacht, an die wir heute erinnern, ist nun 81 Jahre her. Für uns ist das eine kaum fassbar lange Zeit. Ein ganzes Menschenleben sind diese Jahre, seitdem in ganz Deutschland und auch in der Vier-Tore-Stadt jüdische Gotteshäuser brannten, Geschäfte geplündert und zerstört, Menschen verschleppt und ermordet wurden, das scheint uns allen weit, weit weg. Wenn in Studien, Zeitungen oder Fernsehberichten der vergangenen Jahre immer wieder von zunehmendem Antisemitismus die Rede war, haben wir oft geglaubt, so groß werde dieses Problem schon nicht sein. Sicher auch deshalb, weil die Zahl der jüdischen Deutschen seit dem Holocaust gering geblieben ist.

Die Atmosphäre in unserer Welt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Hoffnung, wir würden Konflikte untereinander besser lösen können, wir würden auf Dauer friedlich miteinander umgehen, scheint verflogen. Auch wenn es in Europa über Jahrzehnte keine Kriege zwischen Staaten mehr gegeben hat, nimmt die Zahl extremistischer Gewalttaten zu. Utoya in Norwegen, Madrid, Paris, Berlin, die Namen dieser Orte und die Zahl der Opfer von Anschlägen haben sich in unser Gedächtnis gebrannt.

Die deutsche Geschichte, das Beispiellose des Holocaust und sein brutaler Auftakt in der Pogromnacht vor mehr als 80 Jahren, haben uns immer gemahnt, wachsam zu sein. Es war selbstverständlicher Konsens in der Gesellschaft, antisemitischen Hass nicht zuzulassen. Inzwischen haben wir erlebt, wie sich der Tonfall in öffentlichen Diskussionen verändert hat, wie aus Ärger Wut, aus Wut Hass geworden ist. Ein Politiker wie der hessische Regierungspräsident Walter Lübke wird von einem Rechtsextremisten erschossen.

Und das politische Klima im polnischen Gdansk hat sich in den letzten Jahren so verschärft, dass Stadtpräsident Pavel Adamowicz ebenfalls Opfer eines Attentats wurde. Morddrohungen gab es gegen Mike Mohring, Cem Özdemir und Claudia Roth. Jetzt wollte ein Attentäter in eine Synagoge eindringen und tötet zwei Menschen. Wir sind fassungslos angesichts solcher Gewalttaten. Doch viel zu oft gehen wir danach zur Tagesordnung über und tun wenig.

69 Prozent der Deutschen sagen aktuellen Umfragen zufolge, wir haben in unserem Land ein Antisemitismusproblem. Offenbar sind unter uns noch immer Vorurteile verwurzelt, die Missstände, Probleme und bestimmte negative Entwicklungen Menschen jüdischen Glaubens ankreiden. Darum haben wir uns viele Jahre wenig gekümmert. Nun hat sich dieser Antisemitismus so weit gesteigert, dass in einem jungen Mann der Plan zu einem Mordanschlag mit dutzenden Toten gereift ist.

Wir sollten uns hinterfragen, welche Verantwortung jeder von uns an einer solchen Entwicklung hat. Treten wir vermeintlich dummen Sprüchen im Alltag entgegen, positionieren wir uns dagegen? Ziehen wir klare Linien gegen Diskriminierung und Vorurteile? Vielleicht genauso wichtig ist die Frage, wie führen wir unsere Diskussionen, wie handeln wir bei Differenzen und in Konflikten? Gehen wir respektvoll miteinander um? Was tun wir in unserem täglichen Leben dafür, dass wir miteinander offen debattieren, aber ohne Wut daraus hervorgehen?

Wann immer wir gedankenlos etwas dahinsagen oder im Internet veröffentlichen, wenn wir beschimpfen und beleidigen, dann verursachen wir keine Gewalttaten. Aber wir erzeugen ein gesellschaftliches Klima, in dem Hass auf Menschen Nahrung findet. Wir sind weit entfernt von 1938. Die Gewalt, die sich am 9. November gegen jüdische Frauen und Männer richtete, war in großen Teilen gezielt gelenkt, vorbereitet und angeordnet. Unter den Tätern waren aber auch normale Bürger, die bereit waren, ihren Vorurteilen und Wutgefühlen freie Bahn zu lassen.

Wer die heutigen Bilder von Demonstrationen gegen Flüchtlinge oder die Politik der Bundesregierung sieht, bekommt das Gefühl, dass die Bereitschaft zu solchen Taten nicht so weit entfernt von unserer Gesellschaft ist, wie wir das gehofft haben. Nicht weit von diesem Ort, an dem wir stehen, wurde eine jüdische Familie unter Druck gesetzt, ihr Geschäft zu verkaufen. Eine Neubrandenburger Familie hat von diesem Unrecht profitiert.

Egal wie lange Ereignisse wie die Novemberpogrome zurückliegen, vergessen können und dürfen sie nicht werden. Gedenkorte erinnern uns daran. Sie können uns aber nicht dabei helfen, die Konsequenzen aus diesen Erinnerungen zu ziehen und bessere Entscheidungen zu treffen. Diese Verantwortung liegt bei jedem von uns.

Pogromnacht: Gedenken am Neuen Tor

Im Gedenken an die Pogromnacht von 1938 findet am Sonnabend, 9. November, um 16 Uhr am Neuen Tor (innenstadtseitig) die Gedenkveranstaltung der Stadt Neubrandenburg statt.

In unmittelbarer Nähe zum Neuen Tor befindet sich der Stolperstein von Else Kallmann, die in der Neutorstraße 34 wohnte. Insgesamt gibt es fünf dieser Stolpersteine in der Stadt, die im Rahmen des gleichnamigen Kunstprojekts von Gunter Demnig in Neubrandenburg verlegt wurden. Mit ihnen soll Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden, die in Neubrandenburg lebten und wirkten.

Oberbürgermeister Silvio Witt und Stadtpräsident Dieter Stegemann laden die Einwohner der Stadt Neubrandenburg ein, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen und gemeinsam mit Vertretern der Fraktionen der Stadtvertretung und der Stadtverwaltung der jüdischen Opfer zu gedenken.

Im Zusammenhang mit der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht werden die Neutorstraße und die Ringstraße auf Höhe des Neuen Tores am 9. November in der Zeit von 15:30 bis 17 Uhr für den Fahrzeugverkehr voll gesperrt. Aus diesem Grund werden die Ringstraßen jeweils als Sackgasse beschildert und die letzten beiden Stellflächen in der Neutorstraße gesperrt.

Die Verkehrsteilnehmer werden gebeten, die aufgestellten Beschilderungen zu beachten.

Herzliche Einladung zum Freiwilligeneinsatz für den Gedenkort Waldbau

Für den 31. Oktober 2019, 10 bis 16 Uhr, suchen die Aktiven von zeitlupe freiwillige Helfer und Helferinnen, um den Gedenkort Waldbau zu gestalten. Der Gedenkort Waldbau soll auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Neubrandenburg (Waldbau) entstehen, das im Süden von Neubrandenburg liegt. Viele Jahre lag das Grundstück in einem Sperrgebiet. In diesem Herbst 2019 bietet sich die Chance, den Ort dem Vergessen zu entreißen und zu einem würdigen Erinnerungsort zu gestalten.

Unter dem Stichwort „Subbotnik“ bringt eure Familie, Freunde und Nachbarn mit – wir machen klar Schiff! Vor Ort erhaltet ihr Einblick in einen spannenden, bisher fast unbekannten Ort – und helft diesen zu gestalten. Von Laub harken bis Zaun setzen – gutes Tun fühlt sich gut an und es fallen vielseitige leichtere und herausforderndere Arbeiten an. Alle Personen, die gestalten wollen, sind herzlich Willkommen.

Eine Riesenunterstützung bedeutet es für uns, wenn Werkzeug mitgebracht wird. Zudem empfehlen wir festes Schuhwerk und Arbeitshandschuhe. Zur besseren Planbarkeit des freiwilligen Arbeitseinsatzes sind die Veranstalter für Anmeldungen dankbar (nadja.grintzewitsch@raa-mv.de).

Flyer