76 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges – Gedenken in Fünfeichen

Genau am 29. April 1945 hat die Rote Armee die von der Wehrmacht verteidigte Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg eingenommen. Auf den Tag genau 76 Jahre später erinnert die Stadt Neubrandenburg heute aufgrund der Corona-Pandemie in einem stillen Gedenken an die Ereignisse von damals an der Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen.

Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich des 76. Jahrestages des Kriegsendes in der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrter Herr Oberst Hoogeveen,
sehr geehrter Herr Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch,
liebe Frau Dr. Lüdtke,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

wohl kaum jemand hätte vor einem Jahr vermutet oder gar befürchtet, dass wir uns heute, anlässlich unserer Gedenkveranstaltung des Kriegsendes in Neubrandenburg, wieder in so kleinem Rahmen versammeln. Doch wir leben weiterhin in herausfordernden, bewegenden, vielleicht auch unsicheren Zeiten. Wir leben im 14. Monat einer weltweiten Pandemie. Doch gerade deshalb ist es mir wichtig, ist es uns wichtig, dieses Zeichen hier und heute erneut zu senden.

Denn auch wenn die Ereignisse derzeit viele Fragen aufwerfen, leben wir in sicheren Zeiten – weit ab von dem Unheil, den Gräueltaten und der unvorstellbaren Menschenverachtung die das Nazi-Regime über Europa und die Welt brachte. Es mag ungewöhnlich klingen, dies an dieser Stelle zu betonen, jedoch haben sich in den letzten 14 Monaten Szenen in Deutschland abgespielt und sind Worte geäußert worden, die manches Mal daran zweifeln lassen, ob das Geschichtsbewusstsein so tief verwurzelt ist, wie wir es bisher angenommen haben.

Umso wichtiger sind Erinnerungstage wie diese. Unsere Stadt stellt sich immer wieder fortwährend ihrer Erinnerungsaufgabe. Wir wissen, dass wir nur so mit uns selbst Frieden finden können. Dieser Ort hier steht für das dunkelste Kapitel in der Geschichte Neubrandenburgs und für Widersprüchlichkeit zugleich. Noch 1938 war Fünfeichen ein landwirtschaftliches Gut, bereits 14 Tage nach Kriegsbeginn 1939 wurden hier die ersten polnischen Soldaten interniert. Am Ende des Krieges waren es 120.000 Gefangene aus elf Nationen, die nach Fünfeichen gebracht wurden. 6200 Menschen überlebten dies nicht. Bereits im Oktober 1945 wurde das „NKWD-Speziallager Nr. 9“ des sowjetischen Innenministeriums hier errichtet und Deutsche inhaftiert. Von den rund 15.000 Gefangenen überlebte ein Drittel die Haft nicht.

Eine Stadt mit dieser Geschichte, in der zudem während der NS-Diktatur mehr Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene lebten als Einwohnerinnen und Einwohner, hat zweifelsohne eine dauerhafte Selbstverpflichtung. Es ist unsere Pflicht und unser Selbstverständnis, sich dieser Verantwortung immer wieder zu stellen und neue Generation stetig an diese unsere Stadtgeschichte zu erinnern. Die Gedenkstätte Fünfeichen ist Teil eines Ganzen. Kontinuierlich machen wir unsere bewegte und bewegende Geschichte im Stadtbild sichtbar. So wird in absehbarer Zukunft, so ist es unsere Hoffnung, das Waldbaulager als Erinnerungsort zugänglich sein. Es zeigt noch heute sehr deutlich, wie in den letzten beiden Kriegsjahren auf unmenschliche Art und Weise versucht wurde, am Wahnsinn eines „Endsieges“ zu arbeiten, für den Zwangsarbeiterinnen im Dickicht des Waldes Teile der selbsternannten „Wunderwaffe“ für die Rüstungsindustrie herstellten.

Ebenso haben wir im Jahr 2019 einen Erinnerungspfad quer über das ehemalige RWN-Gelände errichtet. Auch in diesem Stadtquartier machen wir abermals die Widersprüchlichkeit unserer Stadtgeschichte deutlich – denn hier wurde in zwei unterschiedlichen politischen Systemen aus einer NS-Torpedoversuchsanstalt nach dem Krieg ein Rüstungsbetrieb. Daran erlebbar zu erinnern, ist uns wichtig.

Mit dieser Fortentwicklung unserer Gedenkstätten setzen wir ein Zeichen und – mehr als das – wir kommen zu neuen Erkenntnissen und verstehen somit Geschichte nicht als einen abgeschlossenen Prozess, sondern eben als den verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit. Ein Zitat sagt: „Die Vergangenheit ist ein Prolog.“ Treffender kann man diese Verantwortung nicht beschreiben.

Neubrandenburg ist in vieler Hinsicht gewachsen. Wir sind weit entfernt vom 29. April 1945. Wir sind eine vielfältige Stadt. Wir sind eine demokratische Stadt. Lassen Sie uns weiter daran arbeiten, dass wir unser Demokratieverständnis weiterentwickeln und Vielfalt als Basis für unser Miteinander erlebbar machen.