Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich des 30. Tages der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020

Auch in diesem Jahr gibt es anlässlich des Tages der Deutschen Einheit am 3. Oktober ein Festkonzert in der Konzertkirche der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg. Oberbürgermeister Silvio Witt möchte aus diesem Anlass auf 30 Jahre Deutsche Einheit zurückblicken.

Die Rede:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Wer sind wir Deutschen im Jahr 2020?

Eine große Frage. Sie ist vielleicht zu groß, um sie punktgenau und allgemeingültig zu beantworten. Erlauben Sie mir daher einen kleineren Rahmen, um sich dieser Frage am heutigen Tag der Deutschen Einheit zu nähern.
Wir sitzen heute an diesem Tag – nun schon traditionell – in der wunderschönen Konzertkirche. Ein geschichtsträchtiger Ort, der viel über die Vergangenheit und Gegenwart unserer Stadt aussagt. Und dieser Ort steht damit auch für einen Teil der deutschen Geschichte. Lassen Sie uns daher kurz Rückschau halten. Nachdem in der Nähe von Broda die Slawen siedelten, wurde 1248 unsere Stadt gegründet und wenig später eben diese Kirche in ihrer ersten Form gebaut.
Diese Gemäuer haben in sieben Jahrhunderten Stadtbrände, Eroberungen und Verwüstung erlebt. Und anschließend immer wieder Mut, Wiederaufbau und Lebensfreude. Diese Kirche stand stets an derselben Stelle, aber dennoch in unterschiedlichen Ländern. Allein in den letzten zweihundert Jahren im Herzogtum Mecklenburg-Strelitz, in der Weimarer Republik, im Deutschen Reich, in der DDR und nun in der geeinten Bundesrepublik Deutschland.
Diese Kirche ist aus meiner Sicht ein Symbol für die Kraft der Menschen in unserer Stadt und deren Selbstverständnis. Sie ist heute immer noch als Kirchenbau erkennbar, wurde jedoch nach dem letzten Stadtbrand 1945 nicht mehr als Kirche wiederaufgebaut. Zu DDR-Zeiten hat man die Ruine klugerweise nicht abgerissen, sondern Pläne geschmiedet, ein Kulturzentrum in den Kirchengemäuern zu errichten. Nach 1990 wurde diese Idee verändert und dann umgesetzt. Mit der gespendeten Orgel und dem Glockenkunstwerk, welches demnächst auf dem Kirchenvorplatz errichtet wird, erfährt die Idee der Konzertkirche immer wieder neue Bereicherungen und Ergänzungen.
Ich glaube, mit der Deutschen Einheit verhält es sich ähnlich. Richtig gelingen wird sie nur, wenn wir sie als Prozess verstehen, Brüche und Veränderungen akzeptieren und aus Widersprüchen etwas Neues formen, ohne dabei unsere Vergangenheit zu leugnen. Die Deutsche Einheit ist für mich nie fertig, sondern wird jeden Tag fortgeschrieben.
Oft wurde die Einheit unseres Vaterlandes auch als ein Geschenk bezeichnet. Ich finde dies einen ganz gelungenen Vergleich. Ein Geschenk ist zunächst etwas Überraschendes, fast immer jedoch eine Bereicherung und somit in gewisser Weise auch eine Wertschätzung.
Wir erinnern uns: Es dauerte nicht ganz elf Monate von der Öffnung der Mauer bis zum Tag der Deutschen Einheit. Natürlich denken wir an die mutigen Menschen, die 1989 auf die Straße gingen und vor allem erst einmal eines wollten: Demokratie. Niemand konnte damals die Entwicklung und erst Recht nicht die Dynamik vorhersehen, mit der in schnellen Schritten der Einigungsprozess gegangen wurde. Euphorie machte sich vor allem bei den Menschen in der DDR breit und ich denke, sie war es auch, die in den ersten Monaten des Jahres 1990 die entscheidende Triebfeder war. So wurde dieses überraschende Geschenk gepackt, das jedoch nur durch unsere europäischen Nachbarn übergeben werden konnte. Das Geschenk war vor allem auch eine Verpflichtung für die Zukunft.

Was haben wir in den zurückliegenden drei Jahrzehnten aus diesem Geschenk gemacht?

Die Deutsche Einheit ist ein Tag, den wir Ostdeutschen viel selbstbewusster feiern sollten. Mit mehr Stolz auf die eigene Leistung. Denn es waren die Kraft und der Mut der Friedlichen Revolution in der DDR, die die Deutsche Einheit erst möglich gemacht haben.
Die Zeit nach dem 3. Oktober 1990 hat vor allem hier Grundlegendes geändert. Selbstverständlich war den meisten Menschen bewusst, was es heißt, nunmehr ein Teil der Bundesrepublik zu sein. Welche tiefgreifenden alltäglichen Veränderungen jedoch damit verbunden sind, haben vor allem die 1990er Jahre gezeigt.
Denn wenn wir heute von hoher Arbeitslosigkeit in den ersten 15 Jahren der Deutschen Einheit sprechen, verbergen sich hinter diesen nackten Zahlen und Statistiken viele Schicksale und Biografien: Familien, die um Arbeit zu finden ihre Heimatorte verließen und somit ihre Wurzel kappten. Menschen, die vor Ort blieben und lange arbeitslos waren, obwohl sie qualifiziert und motiviert waren. Diese enorme psychische Last zu ertragen und dennoch ein neues Leben aufzubauen, ist nicht nur ein Verdienst, sondern muss fester Bestandteil der Geschichtsschreibung zur Deutschen Einheit werden.
Noch heute beschäftigt uns die Diskussion um den Begriff „Unrechtsstaat DDR“. Ohne Zweifel war die DDR ein Ein-Parteien-Staat. Dass eine Partei im ersten Artikel der Verfassung ihren Führungsanspruch verankert, sollte aus heutiger Sicht keine Zweifel daran lassen, dass Opposition nicht nur nicht erwünscht, sondern schlicht und ergreifend gar nicht vorgesehen war.
Dennoch darf das Wort „Unrechtsstaat“ nicht dazu führen, das Leben in der DDR als grau und nicht wirklich lebenswert zu betrachten. Die Menschen diesseits der Mauer haben geliebt, gelacht und ihren Alltag gemeistert. Dies einseitig zu bewerten ist genauso falsch wie die Diktatur zu leugnen. Wir werden die viel zitierte „innere Einheit“ nicht erreichen, wenn wir diese Differenzierung vernachlässigen. Ebenso gehört es zur Wahrheit, dass es der Leistungsstärke der Menschen in den alten Bundesländern gleichstark zu verdanken ist, dass enorme finanzielle Summen hier bei uns im Osten investiert werden konnten. Dies waren und sind gleichfalls anerkennenswerte Leistungen zur Einheit wie die beschriebenen Errungenschaften der Menschen im Osten.
Es wird auch weiterhin eine Differenzierung zwischen Ost und West geben – dies halte ich für gerechtfertigt. Schließlich sagen wir auch was typisch norddeutsch ist oder eher dem Süden des Landes zuzuordnen ist. Aus meiner Arbeit im Deutschen Städtetag kenne ich ganz andere Kräfte- und Spannungsverhältnisse. So ist in Deutschland schwer Politik ohne Nordrhein-Westfalen zu machen. Und natürlich geht nichts ohne die Bayern.
Was ich damit sagen will ist – ja, es gibt Bereiche in Politik, Gesellschaft und Kultur, da spielen ostdeutsche Belange eine zu geringe Rolle. Dennoch haben Menschen aus Ostdeutschland diese Bundesrepublik maßgeblich geprägt. Mit Joachim Gauck hat ein aktiver Menschenrechtler der Jahre 1989/1990 das höchste Amt im Staat übernommen und es fünf Jahre maßgeblich und nachhaltig geprägt. Angela Merkel regiert seit 15 Jahren unser Land – und damit die Hälfte der Zeit der neuen Bundesrepublik. Aus meiner Sicht erfolgreich. Ich denke, wir dürfen stolz darauf sein, dass wir die schweren Krisen der letzten Jahre gemeinsam unter ihrer Führung gemeistert haben.
Im 30. Jahr unseres Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern dürfen wir ebenso stolz auf die Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger blicken, die unsere Geschichte weit über die Stadtgrenzen mitgeprägt haben. Stellvertretend möchte ich an dieser Stelle Sylvia Bretschneider, Rainer Prachtl und Dr. Paul Krüger nennen.

Wer sind wir Deutschen im Jahr 2020? Wie geht es weiter?

Unsere Gesellschaft ist unruhiger geworden. Selbst die Aufforderung „Ruhe zu bewahren“ klingt für einige wie eine Provokation. Das Informationszeitalter scheint viele zu überfordern. Überall haben wir Informationen jederzeit mobil abrufbar. So manches ist kaum einzuordnen und es fällt uns schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Argument und Gegenargument, Reden und Zuhören, Geben und Nehmen scheinen manchmal nicht mehr zu derselben Sache zu hören. Der vermeintlich Stärkere und Lautere setzt sich durch. Verallgemeinerungen kommen auf und trüben das Bild.
Doch ich bin fest überzeugt: Wir waren noch nie so gut wie heute – bei aller berechtigter Kritik an Dingen, die noch nicht so gut laufen. Demokratische Prozesse in unserem Land sind transparenter als je zuvor.
Verwaltungen stellen sich mehr und mehr einer breiten öffentlichen Beteiligung und Bewertung. Unsere Bundeswehr ist die beste Armee, die wir seit Jahrhunderten hatten, weil das Parlament sie führt. Wir sollten sie stärken und so ausstatten, dass sie ihren Auftrag auch erfüllen kann.
Ich kenne auch kaum ein Land in der Welt, in dem so offen kritisch über die Polizei gesprochen wird und so Veränderungen herbeigeführt werden – vom klassischen Schutzmann hin zum Kontaktbeamten. Gerade deshalb ist es falsch, genau die Menschen, die unsere Demokratie verteidigen, Recht und Gesetz schützen und durchsetzen, einer Diskussion auszusetzen, die aus meiner Sicht zu einseitig geführt wird.
Unsere Wirtschaft ist eine der leistungsstärksten der Welt. Wir haben dennoch keinen brutalen Kapitalismus sondern gerade in den letzten Jahren viele soziale Errungenschaften in unserem Lebensalltag verankert. Darauf dürfen wir als gesamtdeutsche Leistung stolz sein. Unser Gesundheitssystem hält den Belastungen der
letzten Monate stand, bei aller Kritik an Details, haben wir uns auch deshalb in der Welt einen Ruf als Problemlöser erarbeitet.
Es gibt dennoch viel zu verändern. Aus meiner Sicht müssen wir lernen, aus der derzeitigen Unruhe und Nervosität etwas Aktives und Konstruktives zu gestalten. Ich bin mir sicher, dass wir dies schaffen. Beim Bau dieser Kirche konnte selbstverständlich niemand ahnen, dass wir uns heute hier versammeln. Genau genommen wusste man beim Bau solcher Kirchen nicht, ob sie überhaupt die Bauzeit überstehen werden. Man hat einige Dinge gewusst und viele Dinge einfach ausprobiert. Der damalige Zukunftsglaube beschränkte sich auf ein kurzes Diesseits und ein langes Jenseits.
Heute wissen wir aus Erfahrung, Aufklärung, Forschung, Erprobung und Experimentierfreude wesentlich mehr als jede Generation vor uns. Technik macht so viel mehr möglich, wenn wir sie denn sinnvoll nutzen.
Das Konzert der Neubrandenburger Philharmonie wird beispielsweise gleich weltweit im Internet übertragen, so dass unsere Konzertkirche die ganze Welt erreicht.
Diese Vision, dass aus alten Gemäuern, auf alten Fundamenten, immer etwas Neues und Großartiges entstehen kann, darf uns nicht verloren gehen.
Lassen Sie uns daher – gerade im Beethoven-Jahr – ein zentrales Zitat aus der „Ode an die Freude“ die Maxime für die kommenden Jahre sein:
„Freude heißt die starke Feder – in der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Räder – in der großen Weltenuhr.“
Lassen sie uns freudvoll weiter gestalten. Vielen Dank.

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