75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges

Genau am 29. April 1945 hat die Rote Armee die von der Wehrmacht verteidigte Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg eingenommen. Auf den Tag genau 75 Jahre später erinnert die Stadt Neubrandenburg an die Ereignisse von damals.

Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt am 29. April 2020 anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes in der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrter Herr Brigadegeneral Durst,
sehr geehrter Herr Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch,
liebe Frau Dr. Lüdtke,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute vor 75 Jahren ereilte unsere Stadt ein schweres Schicksal. Ein verheerender Stadtbrand – mittlerweile der vierte große seit der Stadtgründung – zerstörte nicht nur über 80 Prozent der Häuser in der historischen Innenstadt. Das Feuer nahm vor allem Kulturgüter, Kunst, Geschichte, Stadtstolz und nicht zuletzt Menschenleben.

Doch der Stadtbrand beendete auch und viel wichtiger vor allem eines: den Zweiten Weltkrieg in der Vier-Tore-Stadt. Historisch wird noch heute darüber diskutiert, welche Ereignisse sich tatsächlich am 29. und 30. April beim Einrücken der Roten Armee ereignet haben. Doch es ist und bleibt angebracht von einem „Tag der Befreiung“ zu sprechen – so wie es Bundespräsident Richard von Weizäcker in seiner historischen Rede am 8. Mai 1985 getan hat. Ich zitiere: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Auch unsere Stadt hatte in der Zeit von 1933 bis 1945 Schuld auf sich geladen. Insgesamt 70.000 Kriegsgefangene durchliefen dieses Lager hier in Fünfeichen. Rund 6.500 Menschen fanden hier den Tod.
In unserer Stadt sind die Spuren der Verbrechen noch heute überall im Stadtgebiet zu sehen. Sei es anhand der Produktionsstätten für Kriegsmaterial auf dem ehemaligen Gelände der Torpedoversuchsanstalt, den Mechanischen Werkstätten oder im Nemerower Holz, in dem wir schrittweise eine Gedenkstätte an das ehemalige sogenannte „Waldbaulager“ errichten. Hier sind in den letzten beiden Kriegsjahren Frauen des KZ-Außenlagers Ravensbrück auf unmenschliche Art und Weise zur Kriegsmittelproduktion eingesetzt worden.

Nicht wir tragen heute Schuld. Wir schulden jedoch den Generationen in der Zukunft Verantwortung. Eine Stadt in der ebenso viele Zwangsarbeiterinnen wie Einwohner lebten, scheint 75 Jahre nach Kriegsende unvorstellbar. Lassen wir dies für immer unvorstellbar bleiben. Das Barbarische des NS-Regimes kam langsam aber zielgerichtet in die deutsche Zivilgesellschaft. Deshalb ist es gut und enorm wichtig, dass sich unsere Stadt diesem Teil ihrer Geschichte so offensiv und nachhaltig stellt.

Wir schaffen Gedenkorte und sehen sie als lebendige Orte der Begegnung und des Austausches. Als wir vor fünf Jahren hier dem 70. Jahrestag des Kriegsendes gedachten, gaben wir tausenden Opfern des Kriegsgefangenenlagers einen Teil ihrer Würde zurück in dem wir ihre Namen ermittelten und sie hier sichtbar machten. Für Antonina Laschínowa konnten wir auch eine schmerzliche Lücke in ihrem Leben zumindest teilweise schließen: durch die damaligen Recherchen erfuhr sie endlich von dem Ort, an dem ihr Vater beerdigt ist. Die Begegnung mit ihr hallt in mir noch heute nach. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Opfer nicht zu zählen, sondern ihnen Namen zu geben und sie aus der Anonymität von Statistiken zu befreien.

Diese Arbeit darf daher nie aufhören. Selbst ein Corona-Virus kann und darf uns heute nicht davon abhalten, würdevoll an diesen „Tag der Befreiung“ zu erinnern. Zivilgesellschaft, Politik, Polizei, Kirche und Parlamentsarmee zeigen hier und heute, was vor 75 Jahren auch in Schutt und Asche lag. Denn das selbst ernannte „Dritte Reich“ hat auf nicht vorstellbare Art und Weise demokratische Strukturen zerstört, Menschenwürde mit Füßen getreten und Völkermord begangen. Seit 75 Jahren, seit 30 Jahren in einem vereinten Deutschland, zeigen wir das Gewicht der Menschenwürde und die Stärke der Demokratie. Lassen Sie uns diese Stärke nie wieder in Gefahr bringen.

Redeteil – Südliches Gräberfeld

Es ist Tradition, dass wir an die widersprüchliche Geschichte dieses Ortes in jedem Jahr erinnern. Denn Fünfeichen ist der Ort der „drei Lager“. Als die Schrecken des Krieges zu Ende waren, wurde hier an diesem Ort erneut Unrecht verübt und die Menschenwürde mit Füßen getreten. Von 1945 bis 1948 waren im NKWD-Lager durch den sowjetischen Geheimdienst rund 15.000 Menschen interniert. Rund ein Drittel fanden in Fünfeichen den Tod. Ein rechtsstaatliches Verfahren ist niemandem zu Teil geworden.

Auch ihnen wollen wir an diesem Tag gedenken.

Fotos: Stadt Neubrandenburg

Im Anschluss an das Gedenken auf dem Gelände der Gedenkstätte Fünfeichen legten Oberbürgermeister Silvio Witt und Stadtpräsident Dieter Stegemann ein Blumengebinde an der „Trauernden“ in der 2. Ringstraße ab. An diesem Ort in der Innenstadt wird den weiblichen Opfern nationalsozialistischer Zwangsarbeit in Neubrandenburg gedacht. Die Fraueninitiative Neubrandenburg hatte anlässlich des Tages der Befreiung Neubrandenburgs eine kleine Gedenkveranstaltung organisiert.